Wer war Gerhard Saß?


Saß, Gerhard, * 09.01.1913 in Elberfeld;

† 8.02.1991 in Bonn-Bad Godesberg.

Lic. theol., Pfarrer in Bad Godesberg von 1949 bis 1959 und von 1967 bis 1978. Direktor des Predigerseminars Bad Kreuznach 1959 bis 1967. Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Bad Godesberg 1968 bis 1972.

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Gerhard Saß als Nachfolger von Heinrich Kolfhaus für ein Jahrzehnt (1949-1959) Pfarrer der noch ungeteilten einen Gemeinde Bad Godesberg. Die Kirche dieser großen Gemeinde hieß bis zum Bau der Christus-kirche 1953 einfach „Evangelische Kirche“; seit 1953 heißt sie „Erlöserkirche“ und sie gab bei der Teilung der Gemeinde in fünf Gemeinden im Jahre 1961 unserer Gemeinde ihren Namen.

Gerhard Saß kam wie viele Gemeindeglieder aus dem Osten. Seine Heimat war Pommern, auch wenn er in Elberfeld geboren war, weil sein Vater für einige Jahre in die dortige Stadtverwaltung gewechselt war. In der Godesberger Wohnung des Emeritus in der Dechant-Heimbach-Straße 14 hing das farbige Foto eines Ostseestrandes als Bild seiner „engsten Heimat bei Greifswald“. In Pommern war seine Familie zu Hause und dort war er aufgewachsen. In Greifswald besuchte er die Vorschule und das Gymnasium bis zum Abitur im Jahre 1933. Hier fand er im Studium seinen wichtigsten theologischen Lehrer, den Neutestamentler ErnstLohmeyer, hier wurde er 1938 aufgrund einer Arbeit über den Apostel Paulus zum Lizenziaten der Theologie promoviert. Aus Pommern stammte auch seine Frau Helga Saß, geborene Hadlich [1925-2013].


1934 war Saß als Student bereits der „Bekennenden Gemeinde“ beigetreten. Nach dem I. theologische Examen, kurz nach der Promotion bei der Bekennenden Kirche abgelegt, war er Vikar in Stolp. Ab 1940 war er Soldat; das II. Examen, 1940 vor dem Konsistorium abgelegt, fiel bereits in seine Militärzeit. Und als er nach seiner Ordination (Greifswald, 12.04.1942) im Oktober 1943 zum Pfarrer am Dom zu Cammin in Pommern bestellt wurde, verhinderte der Kriegsdienst die Übernahme der pfarramtlichen Aufgaben; nur einmal hat er in Cammin predigen können. Bei Kriegsende entkam er in Mecklenburg aus amerikanischer Gefangenschaft und konnte noch vor der sowjetischen Besetzung Mecklenburgs in den Westen gelangen. Im September 1945 wurden Helga und Gerhard Saß getraut. Der Ehe waren in der Folge sechs Kinder geschenkt.


Nach einigen Jahren pastoralen Dienstes in Essen, in den ihn der spätere Präses Heinrich Held vermittelt hatte, wurde Gerhard Saß 1949 in die 1. Pfarrstelle in Bad Godesberg gewählt und am Erntedankfest zusammen mit Friedrich Bleek, der in Mehlem die neu eingerichtete 3. Pfarrstelle übernahm, in sein Amt eingeführt. Auf Bonn hatte er sich wegen der Nähe zur Universität gefreut und auch auf Bad Godesberg mit seinem besonderen Charme, er hatte Godesberg wohl 1947 bei einer Tagung der Kirchlichen Bruderschaft kennen gelernt, das (wie in Zeiten der Bekennenden Kirche) mit Karl Barth im Godesheim stattgefunden hatte.


Es folgte ein Jahrzehnt reich erfüllter, freudiger Gemeindearbeit. Es galt, nach dem Kriege im ersten Jahrzehnt der jungen Bundesrepublik Flüchtlingen zu einer neuen Heimat zu verhelfen und der sprunghaften Vergrößerung der Gemeinde (von etwa 7.000 auf 30.000 Gemeindeglieder) mit neuen Einrichtungen und Baulichkeiten nachzukommen. Es entstanden neue Pfarr-stellen, und es wurde weitere neue Kirchen, Gemeindehäuser, Kindergärten und Pfarrhäuser gebaut. Und: Es galt zu formulieren, was der christlichen Glauben für die Orientierung der Nachkriegsgesellschaft und den Aufbau eines demokratischen Staates bedeuten sollte.


Saß war ein guter und beliebter Prediger; seine Gottesdienste waren sehr gut besucht. Er notierte später: „Der Hunger nach GottesWort war vier Jahre nach Kriegsende noch groß“. Auch mancher Politiker saß regelmässig unter seiner Kanzel.


Lange Jahre (von 1951 bis 1958) lud Saß in der Rigal´schen Kapelle an jedem Sonntag von 18 bis 19 Uhr zu „Ausspracheabenden“ ein, die von Jung und Alt so zahlreich besucht wurden, dass die Menschen in der Kapelle kaum Platz fanden. „Konkrete Fragen“ wurden besprochen. Zunächst konnte jeder seine Fragen und Probleme vorbringen. Für das weitere Gespräch bildete eine Bibelarbeit den Ausgangspunkt. Dabei wählte Saß gerne Texte aus Büchern wie der Offenbarung des Johannes oder dem Buch Daniel, zu deren Verständnis die Auseinandersetzung mit sektiererischen Meinungen angezeigt war. Aus den beliebten Gesprächsabenden „entstand eine Art von Gemeindekern“, wie Saß später berichtete.


Es ging Saß um geistige und geistliche Orientierungshilfe. In Vorträgen und Aufsätzen stellte er sich aktuellen kirchlichen Fragen. Wie sollte sich der Christ beispielsweise zur Einbeziehung Westdeutschlands in ein westliches Bündnissystem stellen, wie zu einer Wiederbewaffnung? „Was kann die Kirche für den Frieden tun?“, so lautete eins der Vortragsthemen des Godesberger Pfarrers, der 1953 der Deutschen Friedensgesellschaft beitrat. Martin Luther und auch Ernst Moritz Arndt waren andere Themen wiederholt gehaltener Vorträge.


Nicht nur war die Stellung der Evangelischen Kirche im öffentlichen Leben zu konturieren, auch im Verhältnis zur katholischen Schwesterkirche war ein äußeres und inneres Verhältnis zu finden. Schon in seiner ersten Godesberg Zeit hat Gerhard Saß neben den anderen gemeindlichen Kreisen einen „Ökumenischen Kreis“ aufgebaut, in dem nach seinem eigenen Bekunden „hart miteinander theologisch gearbeitet“ wurde. In den späteren Jahren, als er Pfarrer auf dem Heiderhof im 3. Bezirk der Johannes-Kirchengemeinde war, hat sich ihm ein beglückendes ökumenisches Zusammenwirken mit der dortigen katholischen Gemeinde und ihrem Pater Simeon ergeben.

Der Seelsorger Gerhard Saß besuchte die Menschen seiner Gemeinde zu Hause und begleitete sie so, dass er noch im Ruhestand und über Jahrzehnte hinweg von ihnen wusste und mit ihnen Kontakt unterhielt. Traf ich auf die Spuren seines Wirkens, so traf ich auf Spuren großer Sorgfalt. Das gilt auch für die Spuren der Mitarbeit seiner Frau. Helga Saß hat einmal rückblickend notiert: „Ich denke, wer einen Pfarrer heiratet, kann nicht sagen: Ich heirate die Person und nicht sein Amt“.


Als sich Saß im Jahre 1977 – über das Wirken in Bad Kreuznach und dann wieder in Bad Godesberg in der Gemeinde auf dem Heiderhof (Johannes-Kirchengemeinde) wäre an andere Stelle zu berichten wie auch über Gerhard Saß als den ersten Superintendenten des 1968 neu gebildeten Evangelischen Kirchenkreises Bad Godesberg – aus seinem aktiven Dienst mit einer Predigt in der Christvesper verabschiedete, gedachte er der Nachkriegszeit mit folgenden Worten: „Mir wills im Rückblick manchmal so scheinen, als ob wir in den schweren Jahren unmittelbar nach dem Kriege seelisch viel gesunder gewesen wären und reicher, als wir ärmer waren. Es hat weniger Selbst- morde und weniger Scheidungen und weniger verzweifelte Leute gegeben als heute, dafür aber viel mehr Freude über lauter winzige Kleinigkeiten, über die wir heute gelassen hinwegsehen würden“.


Am 14. Februar 1991 haben wir in einem Dankgottesdienst in der Marienforster Kirche Abschied von Gerhard Saß genommen. Er hatte, als sich sein Leben neigte, seinen katholischen Amtsbruder auf dem Heiderhof Pater Simeon gebeten, die Predigt zu halten; Matthäus 28, 20 sollte der Text sein: „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“. Seit seiner Schulzeit war diese Verheißung ein Leitwort für Gerhard Saß gewesen, es hatte ihm, wie er sagte, „den Weg zum Glauben und zur Theologie bereitet“. Pater Simeon hat uns das in seiner Predigt vermittelt und dabei berichtet, dass dieses Jesuswort Saß in enger Verbindung mit dem anderen Bibelwort „Fürchtet euch nicht“ bis an sein Lebensende begleitet hat.


Glauben und Theologie, in beiden lebte Gerhard Saß; und aus beiden hat er als Prediger, Seelsorger, Gesprächspartner und theologischer Referent viele Godesberger Christen reich beschenkt. Heute können wir manchen seiner Gedanken nachlesen, etwa in den gedruckten Rundvorträgen „Wir brauchen ein neues Denken“ (Metzingen 1965). Oder in seiner Auslegung des Matthäus-evangeliums („Ungereimtes zu Matthäus“, Düsseldorf 1968), die auch seine ökumenische Sicht des Wortes von Matthäus 28, 20 erschließt, das er seinem katholischen Amtsbruder und der Abschied nehmenden Gemeinde auf das Herz gelegt hatte: „Um so entscheidender“, schrieb er hier, „ wird es deshalb, daß wir, gemäß diesem Wort der Verheißung, den Herrn überall da am Werk sehen, wo Menschen in seinem Namen zusammen sind – in welcher Konfession auch immer“.

Stephan Bitter (14.03.2014).