Gedanken zum Predigttext des Sonntags Lätare (22. März 2020)


 

Flughafen Köln/ Bonn am Samstagvormittag. Wo sonst zahllose Menschen durcheinanderwuseln – gähnende Leere. Meine Frau und ich holen unseren Sohn ab. In der Maschine aus Manchester, zu normalen Zeiten mit 200 Menschen an Bord, sitzen gerade einmal 15 Passagiere.

 

Nichts mehr ist normal in diesen Tagen und Wochen. Ein Virus hat die Welt angesteckt, Angst breitet sich aus – wird es auch mich treffen? Das öffentliche Leben kommt zum Stillstand. Keine Schule, keine Veranstaltungen, keine Gottesdienste, keine Konzerte, kein Sport. Wo noch am vergangenen Wochenende bei frühlingshaftem Wetter viel unbedachte Sorglosigkeit herrschte, Plätze und Parks voller Menschen waren – eine nie gekannte Stille. In einem geradezu surrealen Gegensatz dazu platzt die Natur aus allen Nähten, es blüht und grünt, als wollten uns Natur und Schöpfung sagen: Übrigens, seht und merkt ihr? Wir brauchen euch Menschen nicht... - aber ihr braucht uns!

 

Sonntag „Laetare! Freut euch!“ Mitten in dieser Zeit. Es klingt deplaziert. Im Kirchenjahr ein Sonntag der Freude mitten in der Passionszeit. Als sei auch hier etwas durcheinandergeraten. Die kommenden Wochen werden leidvoll sein...

 

Es gäbe Trost, meint ein alter Text. Im Jesajabuch, im 66. Kapitel heißt es:

 

Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.

Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust.

Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen.

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. Ihr werdet's sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. (Jesaja 66, 10-14a)

 

Der Prophet Jesaja redet von Gott im Bild einer Mutter, wo wir es doch gewohnt sind, Gott unseren Vater zu nennen. Ein Bild für Gott und dafür, wie er sich zu uns Menschen verhält. Gott ist nicht Mann und nicht Frau. Aber wir können uns Gott nur mit Eigenschaften vorstellen, die etwas mit unserer Erfahrungswelt zu tun haben. Und hier werden ganz elementare Erfahrungen angesprochen. Wie eine Mutter sich zu ihrem Kind verhält, wie sie umarmt und tröstet, das kennen wir alle. „… ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“

 

Doch auch die Kinder sind bei Jesaja bildhaft zu verstehen als ein Bild für uns erwachsene Menschen. Wer da getröstet wird, ist ein erwachsener Mensch. Wörtlich steht im Text: „ich will euch trösten, wie einen Mann seine Mutter tröstet.“ Nicht nur Kinder brauchen es, dass sie jemand an der Hand nimmt, dass ihnen jemand über den Kopf streicht, dass ihnen jemand ein gutes Wort sagt. Auch wir Erwachsenen sind auf Trost angewiesen. Nicht nur, aber gerade doch jetzt in dieser bedrängenden Zeit. Dann brauchen wir jemanden, der uns nicht mit billigem Trost abspeist: „Kopf hoch“ und „So schlimm wird’s schon nicht werden“, sondern der oder die einfach da ist, uns in die Arme nimmt, zu uns hält, mit uns durchsteht und leidet, uns Geborgenheit und Halt schenkt, uns tröstet und liebt. Wir brauchen verlässliche Beziehungen, in denen wir angenommen, geliebt und geborgen sind. Wer das in seinem Leben erfährt, kann das entwickeln, was man heute Resilienz nennt, eine innere Stabilität, die Stärke und Rückhalt verleiht und auch in Krisen nicht untergehen lässt.

 

„… ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Gott verspricht uns seine Nähe und Zuwendung. Er verspricht, da zu sein, wenn wir zu ihm rufen, uns im Gebet an ihn wenden. Er verspricht uns Geborgenheit und es entsteht eine Ahnung, ein Gefühl: da hat mich was berührt, da habe ich Bewahrung erlebt, da durchfährt mich Wärme, ich spüre Liebe, genau das, was ich gerade brauche.

 

„...Und aus Jerusalem sollt ihr getröstet werden.“ Diese Stadt, wie sie im Bild der ihr Kind tröstenden Mutter zum Ausdruck kommt, ist Jerusalem. Über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahrtausenden sehnt sich diese Stadt nach Frieden. Jerusalem lag schon immer im Brennpunkt politischer Konflikte. Verschiedene Mächte gingen über diese Stadt hinweg und hinterließen ihre Spuren der Verwüstung: Assyrer, Babylonier, Römer.

 

Und heute? Heilige Stätte dreier Religionen: Judentum, Islam, Christentum. Aber kein Ort des Friedens. Und schon in den Zeiten, als der Schluss des Jesajabuches und damit auch unsere Verse entstanden, war die Stadt Jerusalem verbunden mit einem Wechselbad der Gefühle. Stadt und Tempel waren zerstört worden, das Volk nach Babylonien deportiert. Und dann, nach vielen Jahren in der Fremde, gab es Hoffnung. Hoffnung auf Rückkehr, Hoffnung auch auf die Wiedererrichtung des Tempels.

 

Aber nun bedarf das Volk schon wieder des Trostes. Die großen Hoffnungen hatten sich nicht erfüllt. Es zog sich alles hin, immer noch kein neuer Tempel, nur Probleme und neue Auseinandersetzungen. Die Hoffnung auf Frieden hatte sich zerschlagen - wieder mal. „Und aus Jerusalem sollt ihr getröstet werden.“

 

 „Ausgerechnet aus Jerusalem!“ sagen nicht erst wir heute, wenn wir an diese umstrittene und umkämpfte Stadt denken. Schon damals wird es den Leuten merkwürdig aufgestoßen sein, dass ausgerechnet von dort Trost kommen soll. Doch ist es nicht so: Trost, der die schwierigen Stellen ausklammert, ist schwacher, unechter Trost. Trost muss schon mitten hinein treffen in das, was uns das Leben schwer macht.

 

Werden wir und unsere Lieben vor dieser Krankheit bewahrt bleiben? Werden unsere Krankenhäuser dem erwarteten Ansturm standhalten? Werden die vielen Selbständigen, Besitzer kleiner Läden und Unternehmen, die freischaffenden Künstler die Krise finanziell überstehen? Fragen, auf die es im Moment keine Antwort gibt.

 

Und doch hören wir in all diesen bangen Fragen auch den Ruf: Freut euch mit Jerusalem! Gottes Gegenwart ist wie eine Mutter, die tröstet – schon damals in dieser so schwer von Unheil getroffenen Stadt. Sie selbst kennt den Schmerz und die Trauer. Sie selbst kennt die Freude und den Trost. Nur wer selbst den Schmerz und die Trauer kennt, kann trösten. Nur wer selbst getröstet wurde, kann andere trösten. Jerusalem war zerstört, ihre Kinder verschleppt. Aber sie sind wiedergekommen. Unerwartet. Und nun werden sie gestillt und getröstet, genährt und großgezogen.

Freut euch mit Jerusalem, freut euch mit den Kindern Israel, wenn ihr hinaufgeht in die Stadt, in die Jesus bald einziehen wird; wenn ihr ihm eure Palmzweige auf den Weg legt; wenn ihr mit ansehen müsst, wie er verzweifelt betet, wie er gefangengenommen, verhört und gefoltert wird; wenn ihr es aushalten müsst, dass er hingerichtet wird unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben. Das ist Jerusalem. Hinabgestiegen in das Reich des Todes. Und trotz alledem: bleibt in der Stadt - flieht nicht, denn dort, an Ort und Stelle, werdet ihr getröstet werden. Aushalten muss man es, drei Tage. So wie Gott es ausgehalten hat drei Tage. Nur der kann trösten, der die Trauer selbst ausgehalten hat. Er wird nicht beschwichtigen und dagegenhalten mit hohlen Worten der Ermutigung: „Kopf hoch!“ und „Wird schon wieder!“ Er wird schweigen, wird mitleiden und es aushalten. Drei Tage lang.

Und dann wird sich wunderbar ereignen, was kaum in treffenderen Worten ausgedrückt werden kann als Jesaja es Jahrhunderte zuvor getan hatte: "Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras." Am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters. Es gibt Trost, ruft uns Jesaja zu.

Und wo uns das Virus auf körperliche Distanz zwingt, kommt es gerade jetzt darauf an, dass wir zusammenstehen und uns auch gegenseitig Trost spenden. Viele Gemeinden und auch wir haben in den letzten Tagen begonnen, Netzwerke der Unterstützung aufzubauen: damit ältere und kranke Menschen nicht unversorgt und ohne tröstlichen Zuspruch bleiben.

 

"Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet!" Jesaja findet ausdrucksstarke Worte für den Trost. Es gibt dieser Tage viele Gelegenheiten, den Trost in die Tat umzusetzen. So gehen wir auf Ostern zu – auf das Fest des Lebens, das stärker ist als der Tod.